Formel E | Berlin E-Prix 2019

Formel E | Berlin E-Prix 2019

Berlin E-Prix 2019 – Attack Mode, Fanboost und Celebrate Change. Ist die Elektromobilität im Motorsport auf der Überholspur? Das Formel E Wochenende in Berlin, samt Greentechfestival und Automobilausstellung, war ein Fest für Technikbegeisterte mit grünen Absichten, aufgeschlossene Motorsportfreunde und Menschen mit Begeisterung für rasante Car Designs.

Die ABB FIA Formula E hat den reinen Experimentierfeld-Status längst hinter sich gelassen. Viele Skeptiker haben sich inzwischen von der actionreichen Rennserie, die den Akteuren großes fahrerisches Können abverlangt, überzeugen lassen. Marketingfachleute und Unternehmer erkennen zunehmend das Potential der emmissionsfreien Rennserie. Der Trend ist grün. Wie das Licht, das vor dem Start jedes Rennens leuchtet und den Adrenalinspiegel bei Fahrern und Publikum ansteigen lässt.

“Ein großartiges Rennen für Audi. Es war ein sehr strategisches Rennen mit viel Energieersparnis und unsere Autos schienen heute sehr effizient zu sein. Ich bin sehr glücklich.” Lucas di Grassi machte am 25. Mai das Tempelhofer Feld für Audi klar. Der Brasilianer steht am Rennsamstag in glücklicher Siegerpose ganz oben auf dem Podium des BMW i Berlin E-Prix der ABB FIA Formula E Championship 2019. Lucas di Grassi ist seit Beginn der Formel E als Fahrer dabei. In den Anfängen war er zusätzlich als Berater der neuen Serie tätig. Der Rennfahrer stellt außerdem E-Bikes her und ist CEO des Roborace – eine weitere zukunftsweisende Rennserie, in der es um autonomes Fahren geht. Jean-Éric Vergne, amtierender Formula E Champion, schaffte von Platz 6 gestartet, einen Podiumsplatz beim in Berlin. Der Franzose fuhr im goldglänzenden DS Techeetah mit faszinierenden Manövern überholend auf den 3. Rang, hinter den für Nissan startenden Schweizer Sébastien Buemi.

Attack Mode

Sébastien Buemi, Champion der Saison 2015/16, ging von der Pole für Nissan e.dams auf die 2,375 km lange Strecke in Berlin Tempelhof. André Lotterer startete für DS Techeetah vom letzten Platz, machte aber schnell Boden gut. Der in Duisburg geborene und in Belgien aufgewachsene Lotterer konnte sich in den ersten Runden auf Platz 15 vorarbeiten. Er aktivierte bei 32 Minuten verbleibender Zeit den sogenannten Attack Mode. Neu in der Saison 2018/19: Jeder Fahrer kann während des Rennens einen Energieschub erhalten, wenn er durch die dafür vorgesehene Aktivierungszone fährt und dabei die Ideallinie verlässt. Den Modus können die Fahrer zweimal aktivieren, wobei der Energieschub von 25 Kilowatt vier Minuten dauert. Fahrer, die sich diese zusätzliche Möglichkeit für eine höhere Geschwindigkeit sichern, können das Energieplus für einige Runden verwenden, sofern nicht gerade nach der Aktivierung “Full Course Yellow” und/oder das Safety Car eingesetzt wird. Attack Mode ist zudem ein strategisches Element, welches die Rennen für Zuschauer und die Teams noch spannender macht.

Fanboost

Die deutschen Hersteller BMW und Audi kämpften um den Sieg in Berlin, aber nur einer von beiden sollte am Ende oben auf dem Podium stehen. 20 Minuten vor Rennende fuhr António Félix da Costa von BMW i Andretti Motorsport auf den zweiten Platz und übte Druck auf den führenden Lucas Di Grassi in seinem Audi aus. Buemi war inzwischen auf den dritten Platz zurückgefallen. 17 Minuten vor Rennende setzte Buemi seinen Fanboost ein, um wieder Boden gutzumachen. Er überholte Da Costa. Der Fanboost bringt 5 ausgewählten Fahrern mehr Energie und den Formel E Fans eine schöne Social Media Interaktion, mit der sie das Rennen in gewissem Maße beeinflussen können. Der Rennserie bringt es Fanengagement und Extra-Reichweite. In den 6 Tagen, bis zu 15 Minuten vor jedem Rennen stimmen Formel E Fans per Social Media darüber ab, welche Fahrer den begehrten Energiestoß erhalten, den sie in der zweiten Hälfte des Rennens innerhalb eines 5-Sekunden-Fensters einsetzen können.

Rund zehn Minuten vor Rennende stoppte Alexander Lynn von Panasonic Jaguar Racing auf der Start-/Ziel-Linie und meldete Probleme mit der Hinterachse. Es folgte “Full Course Yellow”, was bedeutet dass alle Fahrer 50 km/h fahren müssen, solange die gelbe Fahne angezeigt wird. Alexander Lynn’s angeschlagener Jaguar wurde geborgen. Neuneinhalb Minuten vor Ende konnte das Rennen wieder aufgenommen werden. Jean-Èric Vergne kämpfte um einen Podiumsplatz. Er schaffte es in Kurve 10, António Félix da Costa zu überholen und auf den dritten Platz vorzustoßen.

ABB FIA Formula E Champion 2018, Jean-Éric Vergne FRA, DS Techeetah beim Berlin E-Prix 2019
ABB FIA Formula E Champion 2018, Jean-Éric Vergne FRA, DS Techeetah beim Berlin E-Prix 2019

Weiter hinten im Feld hatte Vergne’s Teamkollege Lotterer Schwierigkeiten mit der Batterie. Obwohl der Deutsche seit dem Start des Rennens zehn Plätze gut gemacht hatte, musste er seinen Wagen vorzeitig in der Box abstellen. Nur noch eine Minute und eine Runde bis ins Ziel. Buemi kämpfte. Er schaffte es, Vergne auf dem dritten Platz zu halten, während Lucas Di Grassi seinen Vorsprung in der letzten Runde sicher verteidigte. “Heute war ich nicht so schnell wie Lucas. Ich habe das Gefühl, dass wir nicht so effizient sind. Wir sind gut im Qualifying, aber wir sind im Rennen nicht stark genug. Wir müssen uns bemühen, hart arbeiten, um zu sehen, was wir besser machen können”, sagte Sébastien Buemi.

Mit seinem Audi e-tron FE.05 fuhr Lucas Di Grassi an einem begeisterten Publikum entlang als erster ins Ziel und holte in Berlin erneut den Heimsieg für Audi. Im Vorjahr siegte hier sein Teamkollege Daniel Abt. Sébastien Buemi überquerte vor dem Franzosen Vergne als Zweiter die Ziellinie. Jean-Éric Vergne errang mit dem 3. Platz in Berlin auch die Tabellenführung in der Meisterschaft. Der DS Techeetah Fahrer konnte wertvolle Punkte gewinnen und hatte viel Spaß am Berliner Rennen. “Es hat wirklich Spaß gemacht. Es war eine fantastische Besserung. Ich muss mich bei meinem Team bedanken, denn gestern hatte ich mehr als eine Sekunde Rückstand und ein großes Problem mit dem Auto. Was wir tagsüber nicht herausfinden konnten, fanden sie über Nacht”, erklärte der Titelverteidiger. Und weiter: “Heute Morgen bin ich im Qualifying in ein brandneues Auto mit neuen Bremsen und einem neuen Gefühl eingestiegen. Ich bin sehr zufrieden mit dem heutigen Ergebnis.” Teamkollege André Lotterer steht ohne einen Rennsieg, aber mit insgesamt guten Platzierungen auf Platz 3 der Gesamtwertung. In dieser Saison ist, nur wenige Rennen vor dem Finale in New York, alles offen – beinahe jeder hat noch Chancen auf den Titel.

Die Formel E bietet actionreiche Unterhaltung in einem deutlich kürzeren Format, als es bei der Formel 1 der Fall ist. E-Prix Rennen beginnen, bis auf wenige Ausnahmen, mit einem sogenannten stehenden Start. Die Autos bleiben stehen, bis die Lichter auf grün schalten. Alle Fahrer warten auf einem Dummy-Grid – eine kurze Strecke hinter der eigentlichen Startlinie, ehe sie langsam an die Startposition fahren. Es steigt Rauch über den Fahrzeugen auf. Wenn die grünen Lichter ausgehen, ist das Rennen gestartet. Der E-Prix dauert 45 Minuten. Am Ende, wenn der Führende die Ziellinie überquert hat, bleibt noch eine weitere Runde bis zum Ende des Rennens. Verfügbare Leistung: 200 kW im normalen Rennmodus, 225 kW mit Fanboost und 225 kW im Attack Mode.

Das Interesse an der Elektrorennserie steigt nicht nur beim Publikum, die großen Medienanstalten sichern sich Übertragungsrechte, immer mehr Unternehmen interessieren sich für die Formel E – als Sponsoren, Zulieferer und Fahrzeughersteller. In Deutschland werden die Rennen von ARD und ZDF live im TV gezeigt. Nach Audi und BMW steigen in der nächsten Saison Porsche und Mercedes mit Formel E Motorsport Teams ein.

Celebrate Change

Wirkte das Publikum im letzten Jahr noch etwas studentischer und “nerdiger” durchsetzt, umso Start-up Szene geprägter, businessmäßiger, wirkte es beim Berlin E-Prix 2019. Das unter anderem vom Ex-Formel 1 Fahrer Nico Rosberg gegründete Greentech Festival fand in diesem Jahr zeitgleich auf dem Tempelhofer Flughafen statt. Alle Besucher des Formel E Events hatten die Möglichkeit, sich zukunftsweisende Innovationen mit nachhaltigem Umweltfokus anzuschauen. Ideen für umweltfreundliche Mobilität von Morgen – Drohnentaxis, Elektroautos und -motorräder, der Bahnwaggon der Zukunft – das Bewegen von Menschen auf effiziente, umweltschonende und logistisch sinnvolle Art und Weise ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.

Greentech Festival beim Berlin E-Prix - Celebrate Change
Greentech Festival beim Berlin E-Prix – Celebrate Change

Emissionsfreie Elektromobilität ist nur eine mögliche und derzeit naheliegende Variante. Der grüne Bonus dieser Technologie kann zukünftig allerdings auch nur so richtig gefeiert werden, wenn der nötige Strom mit sauberer Energie gewonnen wird. Und wenn die Herstellung der Batterien auf faire Art und Weise passiert. Kritik wird laut, denn bei der Gewinnung der Rohstoffe, die unter anderem auch in den in Elektroautos verbauten Batterien stecken, sollen Arbeiter und sogar Kinder unter gesundheitsschädlichen Bedingungen ausgebeutet werden.

Ziemlich sicher dürfte es sein, dass gewohnter Komfort aufrechterhalten werden möchte und Menschen einer Wohlstandsgesellschaft nicht von geschätzen Gewohnheiten abrücken werden. Also ist es wichtig, dass mutige, innovative Denker, Unternehmer und Ingenieure zusammenkommen, um Produkte und Lösungen für eine bessere, weniger zerstörte Welt von Morgen zu entwickeln. Das Greentech Festival und die ganze Veranstaltung um die Formel E Meisterschaft mit seinem sportlichen Angebot und Rahmenprogramm bieten eine ideale Plattform, neue Ideen und alternative Entwicklungen bekannt zu machen – um Veränderung zu zelebrieren.

Als Motorsport ist die Formel E definitiv in der Wahrnehmung der Medien und der Öffentlichkeit angekommen. Vielleicht wird sie irgendwann sogar an der Formel 1 vorbeiziehen. Im nächsten Jahr findet der E-Prix wieder auf dem Tempelhofer Feld statt. Dann mit zwei weiteren neuen deutschen Herstellern – Porsche und Mercedes. Wie insgesamt 5 Fahrer aus Deutschland beim Berliner E-Prix 2019 abgeschnitten haben, zeigt die Ergebnisliste auf der Homepage der FIA Formula E.

Der Berlin E-Prix 2020 ist für 30. Mai im Kalender notiert. In der nächsten Saison soll das Finale erstmalig in London ausgetragen werden.

Infos und Termine zur Formel E: www.fiaformulae.com

Alle Fotos dieses Beitrags: (c) Simone Fust – Mehr Bilder zum Berlin E-Prix 2019: https://simonefust.com/p53887322

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7. September 2019 Aus