Buñuel im Labyrinth der Schildkröten

Buñuel im Labyrinth der Schildkröten

Buñuel im Labyrinth der Schildkröten. Surrealismus, Spanien und die Frühzeit der Filmkunst. Der Animationsfilm des spanischen Regisseurs Salvador Simó ist ein berührendes Filmwerk über Ziele, Freundschaft, die inneren wie äußeren Kämpfe des berühmten Regisseurs Luis Buñuel und über einen faszinierenden Abschnitt der Filmgeschichte.

In einer fiktiven Handlung erzählt der Film dokumentarisch die Geschichte hinter Buñuel’s Projekt, eine Dokumentation zu drehen, in der im frühen 20. Jahrhundert sehr armen spanischen Region Extremadura, genauer in der Bergregion Las Hurdes. Gewissermaßen ein spätes Making-of, realisiert mit den Mitteln des Animationsfilms. Der Regisseur Simó präsentiert feinsinnig mit gezeichneten Spielszenen sowie Ausschnitten des Dokumentarfilms Las Hurdes – Land ohne Brot ein beeindruckendes und humanistisches Porträt eines seinen eigenen Zielen nachjagenden Künstlers, der immer wieder von halluzinatorischen Träumen verfolgt wird.

Geächtet in Paris

Paris um 1930. Nach der skandalumwitterten Veröffentlichung des Films L’Âge d’Or, verschrien als blasphemischer Surrealist, bleibt der spanische Filmemacher erst einmal mittellos. Sein guter Freund, Ramón Acín – Künstler, Dichter und Anarchist, kauft eines Abends aus einer Laune heraus ein Lotterielos und verspricht, sollte er tatsächlich gewinnen, für die Finanzierung von Buñuels nächstem Film zu sorgen.

Paris - wo Luis Bunuel eine Zeit lang lebte und mit den Surrealisten zusammengearbeitet hat.
Bunuel's surrealistische Träume

Salvador Simó ist Regisseur und Drehbuchautor. Er arbeitete seit den 90er Jahren an bedeutenden Animationsfilm-Projekten in Los Angeles und Europa mit. 2016 zog er sich schließlich zurück nach Spanien, um sich seiner Arbeit an dem Projekt Buñuel im Labyrinth der Schildkröten zu widmen. Während der Monate, als Simó für den Film recherchierte und schrieb, hat er sich besonders auf die Persönlichkeit des berühmten Regisseurs konzentriert, auf Interviews mit – und Aussagen von ihm. Buñuel war voller Humor, von Träumen gejagt, gnadenlos, wenn es ans Filmen ging. “Auf meinem Nachttisch lag ein Buch, das Interviews mit Personen enthielt, die mit ihm gearbeitet hatten. Für die Recherchen wurde es mein wichtigstes Buch. Ich war in das Thema dermaßen vertieft, dass ich eines Nachts sogar träumte, ich säße gemeinsam mit Luis Buñuel bei einem Kaffee in einer Bar und würde mit ihm über diesen Film sprechen”, sagt Salvador Simó.

Das Filmprojekt bot dem Regisseur auch die Möglichkeit, den Zuschauer mit einem anderen Künstler, der Buñuel’s Freund war und im Film die Rolle einer Schlüsselfigur einnimmt, bekannt zu machen: “Ramón Acín. Ein Mensch mit einem wirklich großen Herzen – so groß wie seine Heimat, die spanische Region Huesca. Er war Produzent aus Versehen, Maler, Bildhauer, Dichter – und ein Mensch, der sich sehr um andere kümmerte”.

Glück und Idealismus

Komplett surreal: Ramón gewinnt und so geht es für die beiden alten Freunde in die abgelegenen Berge ihres Heimatlandes, um den Dokumentarfilm Las Hurdes – Land ohne Brot zu drehen.

Las Hurdes, Spanien - Bunuel dreht seinen Film.
Vorbereitungen für Dreharbeiten. Buñuel im Labyrinth der Schildkröten.

Simó’s Werk ist viel mehr als ein posthumes Making-of, denn er erzählt bewegend auch die zwischenmenschlichen Töne. Die Freundschaft der beiden Hauptprotagonisten wird hart auf die Probe gestellt. Unterschiedliche Auffassungen im Umgang mit der Finanzierung des Films, im Umgang mit Tieren und den Menschen der spanischen Bergregion. Es herrscht Uneinigkeit über die Ziele und die Art der Verwirklichung des Films. Umsetzung der eigenen Ideen um jeden Preis, auf Kosten von Tatsachentreue und Tierschutz oder einfach nur die Lebensumstände der Menschen der armen Bergregion kundtun – der surrealistische Regisseur hat zweifellos den provokativen Weg bevorzugt.

Luis Buñuel war ein kontrovers betrachteter spanisch-mexikanischer Filmemacher, der zu den wichtigsten Filmregisseuren des 20. Jahrhunderts zählte. Er arbeitete mit Salvador Dalí und der Pariser Surrealisten-Gruppe um André Breton und Meret Oppenheim zusammen. Das bekannteste Werk aus dieser Zeit ist der Film Un Chien Andalou aus dem Jahr 1929, das den filmischen Surrealismus begründete, der zweite, L’Âge d’Or, wurde vom französischen Staat verboten. Im Laufe seines künstlerischen Schaffens wird Luis Buñuel immer wieder mit staatlicher und kirchlicher Zensur konfrontiert. Seine Filme richteten sich gegen Konzepte der bürgerlichen Gesellschaft, der Kirche, der Familie.

Der im Jahr 1932 nicht in den Hurdes selbst, sondern in der Umgebung des nördlich angrenzenden Ortes La Alberca gedrehte Dokumentarfilm zeichnet das außergewöhnlich harte und beschwerliche Leben der Menschen in den abgelegenen Bergregionen Spaniens nach, wobei manche Szenen auch bewusst auf die Spitze getrieben und schockierend wirken sollten.

Las Hurdes – Land ohne Brot

Las Hurdes ist eine etwa 500 km² umfassende spanische Mittelgebirgslandschaft in der Extremadura. Die stark zerklüftete Landschaft befindet sich im Iberischen Gebirge im äußersten Norden der Provinz Cáceres an der Grenze zur Nachbarregion Kastilien-León. Fensterlose ein- oder zweigeschossigen Steinhäuser in Hanglagen. Geschlafen wurde früher oft schlicht auf Stroh. Im Winter erfroren die Menschen beinahe, im Sommer breiteten sich Malaria-Epidemien aus. Die Kindersterblichkeit war hoch.

Another Day of Life – Doku und Animationsfilm

Gezeichnet im Stil einer Graphic Novel: Another Day of Life ist ein dokumentarischer Film über den weltbekannten Journalisten Ryszard Kapuściński und seine Zeit in Angola. In dem afrikanischen Land erlebt der Reporter aus Polen, Mitte der 70er Jahre, die brutale Realität des Krieges hautnah. Angola wird ihn für immer verändern.

Die Konflikte während der Dreharbeiten und nachwirkenden Kontroversen des Dokumentarfilms aus den 30er Jahren werden in der spanischen Animationfilm-Produktion mit modernen Mitteln des gezeichneten Films dargestellt. Das Einspielen der Originaldoku ergänzt die fiktionalen Szenen um das filmhistorische Material wirkungsvoll. Die Produktion hat den Europäischen Filmpreis 2019 in der Kategorie Bester Animationsfilm gewonnen.

Buñuel im Labyrinth der Schildkröten ist ein Filmkunstwerk mit feiner, aber nachdrücklicher Wirkung.

Regie: Salvador Simó.
Spanien / Niederlande 2018
Laufzeit: 80 min
Kinostart Deutschland: 26.12.2019

Abbildungen: (c) Buñuel im Labyrinth der Schildkröten / Arsenal Film

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23. November 2019 Aus