Reitsport, Magic Sights und der Schutz des Lebensraums

Pferd & Reiter vor Mont Saint Michel, Normandie

Der grösste Teil der Medaillen ist bereits vergeben - Weltreiterspiele in Frankreich - ein Wechselbad der Emotionen. Wunderschöne Landschaften, sagenhaft schöne Bilder von Distanzreitern vor dem Mont Saint Michel am Strand. Ich weiss nicht, ob ich schon einmal etwas Schöneres gesehen habe, später die Nachricht von katastrophalen Streckenbedingungen für Pferd & Reiter und deren Folgen.

Der Morgen vor dem Start der Distanzreiter begann mit enormen Regenfällen - möglich, dass es die ganze Nacht zuvor geregnet hatte. Nach einer Fahrt durch die Dunkelheit der ländlichen Normandie, befand ich mich erst einmal im Stau vor Sartilly, was nicht wundert und nicht zu lange dauerte. Die Ausschilderung der Parkplätze war bereits mehr als dürftig. Als ich mich auf einem dunklen Acker wiederfand, zwei junge Helfer mir mit einem Mobiltelefon leuchtend die Richtung anzeigten, habe ich das zunächst für einen Scherz gehalten. Aber gut, dann also in totaler Finsternis, ohne irgendeine Beleuchtung ewig weit durch nasse Wiesen waten. Endlich eine Strasse - und Menschen, doch war ich zunächst durch Stacheldraht von ihnen getrennt. Wegen der Dunkelheit dauerte es eine Weile bis ich den Ausgang aus dem Ackerlabyrinth gefunden hatte. Den Weg zum Stadion und Start der Endurance haben wir alle mehr durch Zufall gefunden.

Die Startstrecke war bereits stark bevölkert - Distanzreiten ist ein sehr populärer Reitsport in Frankreich, Fans aus der ganzen Welt strömten zu diesem Ereignis, um die bewegenden Minuten des Starts dieses Wettbewerbs mitzuerleben. Und ja, die Mühen hatten sich gelohnt, es war irgendwie 'magic' - die Minuten vor dem Start tummelten sich die Pferd-Reiter-Paare auf dem Abreiteplatz direkt vor dem Start/Ziel-Tor, man konnte die Morgendämmerung aufziehen sehen... langsam wurde aus dem Schwarz der Nacht ein Blau. Es wurden die letzten Sekunden heruntergezählt bevor um Punkt 7:00 Uhr die Reiter mit ihren blütigen Pferden, hauptsächlich Araberpferde, durch das Tor hinaus in den Teil der Normandie geschickt wurden, den man La Manche nennt.

Auf dem Tribünenplatz war ein grosser Screen aufgebaut, wo man die vom Hubschrauber aus gefilmten Reiter kommentiert verfolgen konnte. Traumhafte Landschaft, gespickt mit hübschen Land- und Herrenhäusern. Gegen Mittag kam die Sonne heraus und sie blieb bis zum frühen Abend, was uns als Besucher einen fantastischen Tag am Strand bescherte. Nein, nicht üblicher Beachtourismus ist gemeint, unzählige Reitsportfans versammelten sich an den Aussichtspunkten der Küste, um einen Blick auf die faszinierenden Distanzreiter zu erhaschen. Am Traumstrand gegenüber des Mont Saint Michel, der so lang ist, dass sich die Besuchermenge angenehm verteilte, warteten wir auf die ersten Reiter. Und plötzlich waren sie da, aus den Arabischen Emiraten, denke ich - die zwei ersten Paare kamen den Strand entlang galoppiert. Deutlich langsamer das Tempo, als man es von den Vielseitigkeitspferden gewohnt ist. Kein Wunder, denn die Distanzpferde haben ja eine deutlich längere Strecke von 160 Kilometern zu bewältigen. Diese ist in Phasen aufgeteilt; die Pferde werden von Tierärzten überprüft, mit Wasser und sonstiger Pflege versorgt. Leider waren die Streckenverhältnisse so schlecht, dass nur vergleichbar wenige Reiter das Ziel erreichen konnten. Es kam zu Unfällen, bei dem sogar ein Pferd unmittelbar an der Strecke verstarb; ein Baum oder Ast am Wegesrand soll den Unfall verursacht haben - die Reiterin aus Costa Rica wurde, schwer verletzt, im Krankenhaus operiert und soll sich auf dem Wege der Besserung befinden. Es ist kaum zu fassen, dass so etwas Schönes, wie die Bilder der Pferde am Strand, von etwas so Schrecklichem überschattet wird. 

Den Führenden folgte ein einzelner Reiter mit einem Schimmel, weitere Gruppen kamen zeitversetzt den Strand entlang geritten. Die Goldmedaille ging nach Spanien, Silber blieb in Frankreich und Bronze erritt sich die Schweiz. Deutschland kam mit den Umständen nicht zurecht und flog komplett aus dem Rennen. Die Siegerehrung für Team und Einzelreiter (VEA, Niederlande, Qatar,) wurde in der Pause des Grand Prix Kür Wettbewewerbs in Caen abgehalten, für den wir mit Besuchern, welche extra aus Trinidad/Tobago angereist waren, stundenlang anstanden - es wurden ja keine Platzkarten verkauft; warum eigentlich nicht? Das hätte beängstigende Zustände bei Einlass, wobei sich Frauen beinahe geprügelt hätten, vermieden. Bevor man überhaupt einen Blick auf ein Pferd werfen, beziehungsweise sich dem Reiterstadion nähern konnte, hatte man sich bereits grün-kariert geärgert, da es einem alles andere als leicht gemacht wurde, das Stadion, geschweige denn, den für einen zulässigen Parkplatz zu finden. Ausschilderung auch hier mangelhaft bis ungenügend. Die Stimmung im Stadion war dann wiederum grossartig - das französische Publikum feuerte die Reiter zusätzlich zu den landeseigenen Fans super an. Eigentlich ja nicht so die Kür-Freundin, das klingt mir meistens zu sehr nach Fahrstuhlmusik oder James Last Orchester, so gefiel mir die schmissige Kür aus einem 70er/80er Italo-Pop Mix, ebenfalls sehr schwungvoll geritten, von Viktoria Max-Theurer und Augustin sehr. Noch mutiger mit viel Vorwärts ritt die Schwedin Tinne Vilhelmson Silfvén. Desperados und Kristina Sprehe verpassten knapp einen Medaillenplatz, während Helen Langehanenberg und Damon Hill - ein Traum dieser Schokofuchs, die Silbermedaille hinter Valegro und Charlotte Dujardin sichern konnten. Bella Rose und Isabell Werth schieden wegen Hufproblemen der formidablen Stute nach dem Gewinn der Mannschaftsgoldmedaille, zu dem sie massgeblich beitrugen, frühzeitig aus. Wie mir der Züchter aus dem Ruhrgebiet mitteilte, der wie viele andere Besucher dieser Weltreiterspiele, von zahlreichen Widrigkeiten und Ärgernissen zu berichten wusste, sollen auch hier die Bodenverhältnisse nicht die besten gewesen sein; der Dressurboden im Stadion d'Ornano sei zu hart, wurde ihm zugetragen.

Direkten Weges vom Stade d'Ornano in Caen ging es in das Departement l'Orne im südwestlichen Teil der Normandie, um am Folgetag die Vielseitigkeitsreiter und ihre energetischen Pferde im Gelände des Nationalgestüts Haras du Pin zu sehen. In dieser Region erlebte ich die wunderbaren, herzlichen Menschen von Exmes, ein Dorf gleich neben Haras du Pin. Die Einwohner von Exmes - gesprochen Em, halfen mir sehr, nachdem meine Unterkunft in der Region geplatzt war. Ich erlebte einen sehr netten Abend in der Dorfgemeinschaft und bekam ein Dach über dem Kopf. Interessante Gespräche in Englisch - es haben sich in der Gegend einige Menschen beispielsweise aus England angesiedelt, um inmitten der schönen Landschaft ihren Ruhestand zu geniessen und einem Mix aus meinem radebrechtem Französisch, Englisch und dem einen oder anderem deutschen Wort. So erfuhr ich auch direkt von den Menschen dieser Region, dass - man kann es nicht glauben, in dieser lieblichen Gegend eine Giftmülldeponie errichtet wurde. Hier werden hauptsächlich Stoffe aus der Autoindustrie gelagert. Was die Aktiven im Kampf gegen die Mülldeponie brauchen, welche die nächsten 17 Jahre giftigen Müll aus ganz Europa aufnehmen soll, ist Aufmerksamkeit - Verbreitung ihres Anliegens über die regionalen und nationalen Grenzen hinaus, Geld und Mittel, juristische und politische Unterstützung, um gegen einen Konzern wie GDE bestehen zu können.

Tal zwischen Exmes und Haras du Pin
Das Tal zwischen Exmes und Haras du Pin

Landwirtschaft - Ackerbau und Viehzucht und eine unglaubliche Anzahl von Gütern mit Pferdezucht für alle Sparten des Pferdesports wird in der Region betrieben. Hier herrschte über die Jahrhunderte ein Leben von und mit der Natur um die Menschen herum. Dieses Gleichgewicht wird nun durch die Errichtung der Giftmülldeponie in einem erheblichen Masse gestört. Eine Studie des CNRS (Frankreich's nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung) aus 2012 besagt, dass die Gasemissionen einer solchen Deponie die Gesundheit des Menschen beeinträchtigen können. Giftige, als krebserrgend geltende Stoffe geraten in die Luft, in den Boden, in Pflanzen und Tiere - somit auch in die Nahrungskette des Menschen. Einflüsse auf das hormonelle System von Mensch und Tier - auch der dort lebenden Pferde, werden um das Nationalgestüt Haras du Pin erwartet. So ist zusätzlich zu den Gefahren für Mensch und Tier ebenfalls der gesunde Fortbestand der historisch gewachsenen Pferdezucht dieser Region gefährdet.

Mehr Informationen zum Thema:
www.saveourhorses.fr
www.facebook.com/gdenonant
www.twitter.com/NonantDecharge

Wer einmal in der Gegend ist, sollte sich nicht entgehen lassen, das schöne Dorf Exmes zu besuchen, wo kein Haus wie das andere ist. Es hat eine große Kirche, einen Bäcker, sicher noch das eine oder andere Geschäft mehr, nette Menschen und eine grosse Anzahl von Gestüten, wo wertvolle Tiere für Reit- und Rennsport gezüchtet werden. Das Lokal von Marie-France und Marc - eine Mischung aus Café, Gastwirtschaft und Geschäft für allerlei Dinge des täglichen Bedarfs, in einem hübschen Eckhaus mit angebrachtem Bar Tabac Schild, ist in der Mitte der Dorfstrasse nicht zu übersehen. Hier gibt es den besten Café, den ich auf meiner Reise in Frankreich bekommen habe. 

Exmes

Überwältigt von der Freundlichkeit der Bewohner von Exmes, machte ich mich früh auf den Weg in das benachbarte Haras du Pin mit seinem beeindruckendem Chateau und der hügeligen Geländestrecke für die Vielseitigkeitsreiter.

Haras du Pin

Mit meinem frühen Aufbruch entging ich dem folgenden Stau, der unzählige Besucher erst am Mittag und sogar frühen Nachmittag das Gelände erreichen liess. Das frühe Erscheinen, ebenfalls von Vorteil bezüglich der sehenswerten Natur-Toiletten vor diesen sich später am Tage lange Schlangen bildeten. Und wer weiss, ob sie mir mit ihrer 'Technik' später noch einen angenehmen Anblick geboten hätten? Es wird einfach eine Art Sägemehlstreu über das 'Geschäft' geschippt. Am Ende, sofern kein Cretín nicht abbaubaren Müll hineingeworfen hat - blos ein Fall für den Misthaufen.

Schlimme Bodenverhältnisse für Pferd und Reiter auch hier, wo es tagelang geregnet hatte. Auf Wunsch der Reiter wurde die Strecke bereits entschärft, trotzdem nahm man mit diesen Bodenverhältnissen die bekannte Energie aus den Pferden. Zum Teil müde erscheinende Pferde kämpften sich tapfer durch den Course. Etliche Paare schafften es nicht bis ins Ziel - Stürze, Aufgaben, Verweigerungen. Auch das deutsche Team hatte es nicht leicht, mit den Bodenverhältnissen zurechtzukommen. Der Applaus, um die Reiter aller Nationen anzufeuern, war enorm; besonders tosend wenn französische Akteure vorbeigeritten kamen. Selten habe ich ein so euphorisches Publikum beim Eventing gesehen - dies hat den Reitern sicher ein Stück weit geholfen, gut durch den schweren Parcours zu kommen. Nicht auf die Bodenverhältnisse zurückzuführen, nach aktuellem Informationsstand, ist der plötzliche Tod von Wild Lone, des Pferdes von Harry Meade, was nach erfolgreichem Beenden des Geländes auf dem Abreiteplatz zusammenbrach - vermutet wird ein Aortaabriss. Schlimm für das Pferd, unglaublich traurig für den Reiter. Auch wenn diese plötzlichen Tode von Pferden durch Aortaabriss nicht von den Anforderungen des Sports verursacht werden, wirken solche Vorkommnisse sehr niederdrückend.

Bei Ingrid Klimke und Escada gab es eine Schrecksekunde im ersten Wasser, jedoch 'stickabilitylike' hielt sich die Topreiterin im Sattel und die junge Stute riss sich super zusammen; so war das Paar schnell wieder auf dem richtigen Weg. Escada gab alles, wie die erst neunjährige Rocana von Michael Jung und der relativ kleine Fuchs von Dirk Schrade, der es in diesem matschigen Gelände besonders schwer hatte, die benötigte Energie für seine gewaltigen Absprünge zu entwickeln. Der schnelle und sprunggewaltige Hop and Skip aka Baxter, eigentlich ein so sicheres Geländepferd und Dirk Schrade kassierten 20 Hindernisfehlerpunkte aufgrund von Verweigerungen/Vorbeiläufern, die aus diesem Kraft raubenden Akt resultierten. Prima, für die Bedingungen, kamen die beiden als Einzelreiter startenden Andreas Ostholt mit dem Westfalen So Is Et und Peter Thomsen mit Barny ohne Hindernisfehler durch das Gelände. In der Zeit blieb übrigens kein einziges Paar an diesem Geländetag - Durchkommen war alles. Sandra Auffarth und Opgun Louvo aka Wolle bildeten das Schlusslicht des deutschen Team und das leuchtete mit einer Nullhindernisfehlerrunde phänomenal, um die Spitzenposition der deutschen Mannschaft für eine Goldmedaille zu sichern. Die, wie wir alle wissen, am nächsten Tag gloriös im finalem Springen von Caen mit 4 Nullrunden für die deutsche Mannschaft erritten wurde - Weltmeister. Gratulation! Einzelgold für Sandra Auffahrt, Silber Michael Jung, Bronze William Fox-Pitt! Mannschaftssilber ging an Großbritannien und Bronze an die Niederlande mit einer hervorragend in jeder Teildisziplinen reitenden Elaine Pen.

Wie eingangs erwähnt, ein Wechselbad der Emotionen ... des Wetters, des gesamten Erlebens - bezaubernde Ansichten von Landschaften, Sehenswürdigkeiten und nicht zuletzt von wunderbaren Pferden und hochtalentierten Reitern. Das Publikum in den Stadien und im Haras du Pin war grossartig. Die angereisten Fans aus der ganzen Welt und das zahlreiche französische Publikum erzeugten eine gigantische Atmosphäre.

Die Normandie ist eine abwechslungsreiche Region mit sehenswerten Orten. Wunderschön und eine echte Empfehlung: der Garten des Anwesens des Christian Dior Museums in Granville - farbenprächtige Gartenarchitektur, traumhafter Ausblick auf's Meer. Eine Treppe schlängelt sich hinunter, beinahe bis zum Wasser. Erlesene Düfte erzeugen nicht nur die Blüten im Garten, es wurden kleine Duftstationen aufgestellt, die den Parfumkreationen des Modeschöpfers gewidmet sind und die Inspirationen des Meisters beschreiben. Es gibt viel zu entdecken in der Normandie - die Franzosen haben ein grosses Talent, Schönheit zu kreieren und zu inszenieren ... an der Funktion hapert es manchmal, wie bei dieser WM zu spüren war.

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2. September 2014 - 13:41