Eventing Euro 2017 - Gold für Ingrid Klimke und Team GBR

Ingrid Klimke - Gold Europameisterschaft 2017 in Polen

Spitzensport, super Venue, schöne Pferde, freundliche Menschen - die Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter. Aber auch: Auf und Ab im polnischen Strzegom. Extreme Höhen und tiefste Tiefen des Reiterlebens in sehr schneller Aufeinanderfolge für das Team der deutschen Vielseitigkeitsreiter.

Gnadenlos trennt das hügelige Gelände im ländlichen Strzegom die Spreu vom Weizen. Der Countdown läuft. Noch schreiten Pferd und Reiterin ruhig um die Start-Box. Start und Finish der Geländestrecke sind von sich sanft dem Horizont entgegen wölbenden Stoppelfeldern gesäumt. In der Nacht hat es geregnet. Der Morgen des Geländetages der Europameisterschaft 2017 zeigt sich leicht trübe. Jetzt betritt die Reiterin mit ihrem Pferd die Startbox – konzentrierte Miene, entschlossener Blick. 3-2-1 Go.

Erstes Hindernis mühelos genommen, jetzt ein Stück Galoppstrecke, doch schon am zweiten Sprung wirkt das Pferd abgelenkt durch die Umgebung. Die Reiterin mahnt mit der Gerte an der Schulter des Pferdes zur Konzentration. Der nächste Hinderniskomplex. Zögerliches Ankommen am Einsprung. Das Pferd kann den zweiten Sprung nicht machen und läuft vorbei. Es sind die nach der Dressur weit in Führung liegende Bettina Hoy und Seigneur Medicott, die sich an dieser schwierigen Kombination 20 Fehlerpunkte für eine erste Verweigerung auf das Konto schreiben lassen müssen. Der nächtliche Regen hat den Boden etwas rutschig werden lassen. So rutschig geht die Partie weiter für die amtierenden Deutschen Meister. An diesem Tag scheint sich das Paar nicht wirklich einig zu sein. Ein ganz anderes Bild boten Bettina Hoy und der Westfale Seigneur Medicott zwei Tage zuvor in der Dressur: Sie lächelte, er schwebte. Ihre Darbietung war so glanzvoll wie die vielen kleinen glitzernden Glaskristalle auf dem Helm der Reiterin. Wäre eine Stecknadel in der Arena gefallen, sie wäre zu hören gewesen. Ganz still war das Publikum. Manche Zuschauer lächelten wie die Reiterin, manche hatten Tränen der Rührung in den Augen. Für viele der hier startenden Reiter bedeutet die Dressur eine große Anstrengung. Lieber jagen sie durch das Gelände. Bettina Hoy und Seigneur Medicott meisterten diese Aufgabe so unvergleichlich leicht und beschwingt, im absoluten Gleichklang. Die letzten Meter auf der Schlusslinie im Galopp. Perfektes Halten. Grüßen. Weltrekord. Minutenlang umarmte Bettina Hoy ihr Pferd, bevor sie glücklich winkend die Arena verließ. „Großes Dankeschön an mein Pferd. Es ist eine so große Freude, Seigneur Medicott reiten zu dürfen.“ Soeben hatten die Zuschauer einen der betörendsten Dressurritte der Vielseitigkeitsgeschichte gesehen. Entsprechend groß war der Applaus, der die zierliche Reiterin und den grazilen Westfalen beim Verlassen der Arena begleitete. Schon früh, als zweite deutsche Starterin nach Julia Krajewski mit Samourai du Thot entschied Bettina Hoy die Dressur für sich. Das Rekordergebnis von 24,6 Minuspunkten konnten auch Ingrid Klimke und der Erfolgsgarant Michael Jung nicht übertrumpfen. Doch ebenfalls ihre guten Wertungen waren es, die der deutschen Mannschaft die Führung nach der Dressur bescherten und obendrein einen Team-Weltrekord des modernen Vielseitigkeitsreitens. Die Vielseitigkeitsreiterei – früher Military, heute in reformierter Version international als Eventing bekannt, ist der Triathlon des Reitsports. Eine Vielseitigkeitsprüfung besteht aus den Teildisziplinen Dressur, Geländespringen und dem finalen Springen über bunte Stangen. Am Morgen des letzten Tages müssen die Reiter ihre Pferde noch einmal an der Hand vorführen, während Richter und Veterinäre prüfen, ob der tierische Sportpartner die Anstrengungen gut überstanden hat. Alle Paare, welche die Verfassungsprüfung erfolgreich gemeistert haben, dürfen anschließend zum Springen antreten. Abgerechnet wird zum Schluss.

Immer auf der Linie bleiben
Bei der Europameisterschaft in Polen erwies sich der Geländeparcours des deutschen Course- Designers Rüdiger Schwarz als das Element, was die Entscheidung über Sieg und Niederlage gewissermaßen vorweg nehmen sollte. Bettina Hoy im Vorfeld über die Aufgaben im Gelände: „Man muss wirklich sehr akkurat reiten und immer auf seiner Linie bleiben.“ Von den Reitern wurde die 5,7 Kilometer lange Geländestrecke überwiegend als sehr herausfordernd, mit vielen Tücken versehen, jedoch als fair beschrieben. „Ein sehr ernst zu nehmender Parcours, das wird hier kein Dressurwettbewerb sein. Das ist sicher“, erklärte der Brite Oliver Townend. Am Ende des Geländetages war nichts mehr wie zuvor. Für Bettina Hoy und Seigneur Medicott war die Reise über die Hügel von Strzegom sehr bald zu Ende. Nach einigen weiteren brenzlich wirkenden Situationen stürzte das Paar schließlich über das Hindernis mit der Nummer 10. Bitter für die Reiterin aus dem westfälischen Rheine. Sie und ihr Pferd blieben dabei zum Glück unverletzt. Bettina Hoy, bei der Europameisterschaft in Polen in Doppelfunktion als Teamreiterin für Deutschland und als Trainerin für die Niederlande aktiv, kann auf eine reiterliche Karriere mit größten Erfolgen, aber auch mit harten Schlägen zurückblicken. Schon 1984 gewann Sie mit der Mannschaft Bronze bei Olympischen Spielen. Vor 20 Jahren wurde sie im britischen Burghley Europameisterin, dann 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen zur tragischen Figur, als ihr wegen eines Formfehlers Einzelgold und der deutschen Mannschaft Team-Gold aberkannt wurde. Die Reiterin hatte vor dem Start des abschließenden Springens unabsichtlich zweifach die Startlinie überquert. Im Jahr darauf kollabierte ihr Pferd Woodsides Ashby während des Geländeritts unter ihr. Es starb an einem Aorta-Abriss. Im Jahr 2008 blieb ihr die Teilnahme an den Olympischen Spielen wegen einer Verletzung von Ringwood Cockatoo versagt, wo sich das deutsche Team in Hong Kong ohne Beteiligung von Bettina Hoy nach der Schmach von Athen Doppelgold zurückholen konnte. Und so schnell war er jetzt aus, ihr Traum vom goldenen Medaillen-Comeback. Für das titelverteidigende deutsche Team bedeutete das Ausscheiden von Bettina Hoy den Verlust des großen Vorsprungs durch das in der Dressur errungene Rekordergebnis. Denn die Wertung von Julia Krajewski, nach ihrem Geländeritt mit 20 Fehlerpunkten belastet, konnte nicht mehr als Streichergebnis herhalten. Die Führung glitt den Titelverteidigern förmlich aus den Händen. Dreimal in Folge gewann Deutschland den Europameistertitel unter der Leitung des Erfolgstrainer- Gespanns Hans Melzer und Chris Bartle. Der Engländer Bartle trainiert seit Beginn des Jahres die Vielseitigkeitsreiter Großbritanniens. Im Gegensatz zu anderen Nationen, beispielsweise die ebenfalls als Favoriten gehandelten Franzosen, zeigte das britische Team im Verlauf des Wettbewerbs nahezu durchweg perfekte Geländeritte.

Ingrid Klimke und Hale Bob Dresuur Europameisterschaft Eventing Strzegom 2017 Polen
Hale Bob & Ingrid Klimke - Individual Gold, Team Silver

Die Reitmeisterin Ingrid Klimke kennt das nur zu gut. Den Sturz vom Favoritenpodest. Bei der Europameisterschaft 2011 in Luhmühlen galt sie als klare Favoritin – bis zum finalen Springen, als ihr Pferd Butts Abraxxas fast jedes Hindernis zum Einsturz brachte. Im Mai lag sie beim Eventing- Klassiker in Badminton mit Hale Bob zunächst vorne, doch beim Springen konnte das Paar dem Druck nicht standhalten und rutschte mit Abwürfen auf den neunten Platz. In Strzegom sollte ihr dies nicht noch einmal passieren. Neben der Titelverteidigung des Teams stand für Ingrid Klimke von Beginn an die erste Einzelgoldmedaille ihrer Reiterkarriere im Fokus.

Wir hatten so viel Spaß
Und es lief gut, sogar sehr gut. Die Sonne lachte über Strzegom während Ingrid Klimke und Hale Bob einen schweren Hinderniskomplex nach dem anderen scheinbar mühelos überwanden. Pferd und Reiterin hatten Spaß im Gelände. Das konnten die Zuschauer in den Gesichtern der beiden lesen. „Ich stand ziemlich unter Druck, aber Bobby war so voller Selbstvertrauen, dass ich nicht anders konnte als zu lächeln“, sagte Ingrid Klimke. „Wir hatten so viel Spaß.“ Kraftvoll galoppierte der Oldenburger Wallach über den anspruchsvollen Parcours von Rüdiger Schwarz. Als eines der letzten Starter-Paare bewältigten, mit hohem Grundtempo unterwegs, Michael Jung und Rocana in gewohnter Weise – nämlich wie an der Schnur gezogen und mit unnachahmlicher Genauigkeit alle Schwierigkeiten, die ihnen Rüdiger Schwarz in den Weg gestellt hatte. Fehlerlos und mit der besten Zeit kam Michael Jung ins Ziel. Für ein Vorbeiziehen an Ingrid Klimke reichte es dennoch nicht. Am Ende des Geländetages mussten die Deutschen ihre Führung an die Briten abgeben, Schweden hatte sich auf den dritten Platz gekämpft. Das französische Team wurde nach unten durchgereicht. Schlimmer noch traf es die gastgebenden Polen, deren Reiter sich ohnehin in den unteren Gefilden der Rangliste wiederfinden mussten. An einem scheinbar wenig spektakulären Hindernis im Stadion kam Bob the Builder zu Fall. Wie der leitende Veterinär nach Untersuchung des Pferdes und Sichtung von Videomaterial bekannt gab, stürzte das Pferd des jungen polnischen Reiters Michal Knap, bevor es den Holm berührte. Der Wallach wurde umgehend zur Versorgung in eine Tierklinik gebracht. Der junge Reiter, sichtlich am Boden zerstört, konnte hingegen das Stadion auf den eigenen Füßen verlassen. Er blieb unverletzt. Am Abend die traurige Gewissheit, dem Pferd konnte nicht geholfen werden. Der Beinbruch war zu kompliziert. Bob the Builder wurde eingeschläfert. Der Weltreiterverband (FEI) leitet in solchen Fällen eine Untersuchung ein. Bei der Obduktion will man auch die Knochendichte des Pferdes messen, um Ursachen für einen vermuteten Ermüdungsbruch aufzuspüren. Der Schatten des tödlichen Pferdeunfalls legte sich auf die sonst so gelungene Großveranstaltung in der kleinen niederschlesischen Gemeinde.

Letzter Tag der Europameisterschaft, Sonntag, 20. August 2017. Noch einmal volle Konzentration für die im Wettbewerb verbliebenen Athleten. Nerven bewahren. Die Stangen liegen lassen im finalen Springen. Die langersehnte erste Einzelgoldmedaille ist in greifbare Nähe gerückt: Ingrid Klimke und Hale Bob gehen nach Dressur und Gelände als Führende der Einzelwertung vor Michael Jung und Rocana an den Start. Und Hale Bob macht alles richtig im Parcours. Ingrid Klimke verweist den „Dominator“ der Vielseitigkeit auf den zweiten Platz. Michael Jung wird nicht zum vierten Mal in Folge Europameister. Die Endabrechnung bringt Team Germany auf das Silberpodest. Für die Titelverteidigung hat es nach dem Ausscheiden von Bettina Hoy nicht gereicht. Es sind die Briten und ihr neuer Trainer Chris Bartle, die in den letzten Tagen durchweg solide Leistungen gezeigt haben und dem selektiven Geländeparcours von Strzegom am stärksten die Stirn bieten konnten. Endlich stehen sie wieder auf dem Siegerpodest – die Reiter aus dem Mutterland der Vielseitigkeit. In Großbritannien gibt es so viele Wettbewerbe in der Königsklasse des Reitsports, wie in keinem anderen Land. Schweden, nimmt erfreut die Bronzemedaille entgegen, nach einer emotionalen Zeremonie für die Europameisterin.

Einfach weitermachen
Sie war schon so oft so nah dran. „Du musst einfach weitermachen und nach 20 Jahren wird es passieren! Ich möchte immer ein Teamplayer sein, aber das war mein Traum.“ Mit 49 Jahren, mentaler Stärke und dem in ihrem Besitz stehenden Oldenburger Wallach hat sich Ingrid Klimke den Traum vom Einzeltitel jetzt erfüllt. Hale Bob kann eine hervorragende Dressur gehen, im Geländeparcours erweist sich der schnelle Braune stets als zuverlässiger Partner „mit Mehrfachantrieb“. Dass der Wallach auch noch akkurat und hoch Springen kann, das weiss Ingrid Klimke. Selbstsicher und mit Spaß bei der Arbeit konnte sie jede Phase des Wettbewerbs um den Europameistertitel genießen und dabei vollkommen fokussiert bleiben. Zeremonie, Ehrenrunde und Pressekonferenz liegen jetzt hinter den Siegermannschaften. Zeit zum Aufbrechen. Auch Bettina Hoy führt ihr Pferd zur Heimreise auf den LKW und hat schon wieder das nächste große Ziel im Visier. Nächstes Jahr finden die Weltmeisterschaften in den Vereinigten Staaten statt. Das Reiterleben geht weiter – Staub von der Hose geklopft, hinein in den Sattel. Das nächste Hindernis steht schon bereit.

Die britische Reiterin Nicola Wilson erritt sich mit konstanten Leistungen über drei Tage in den Teildisziplinen Dressur, Gelände und Springen ihre erste Einzelmedaille - Bronze. Michael Jung und Team Germany errangen Silber. Stark traten auch die Schweden auf, die als einziges Team im finalen Springen mit den sechs zu Beginn gestarteten Athleten antraten.


Bulana & Nicola Wilson - Individual Bronze, Team Gold

Ludwig Svennerstal
Paramount Importance & Ludwig Svennerstal - Team Bronze

Nachtrag: Da bei Samourai du Thot von Julia Krajewski eine als Verbotene Medikation ausgewiesene Substanz nachgewiesen wurde, hat sich die Rangierung verändert. Nachdem dem deutschen Team Silber aberkannt wurde, steht das schwedische Team auf dem Silberrang und die Bronzemedaille gehört Italien.

Informationen zum Fall Samourai du Thot: http://bit.ly/2HIqWiJ

 

Die Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter 2017 in Bildern

Alle Photos: (c) PerdKultur

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23. August 2017 - 17:43