Big Wave Nazaré | Magischer Ort am Atlantik

Big Wave Surfer in Nazaré Portugal

Nazaré, die portugiesische Küstenstadt am Atlantik, ist weltbekannt für Riesenwellen und sich massiven Naturgewalten stellende Surfer, die mit ihren Surfbrettern einige der größten Wellen des Planeten hinabfahren. Anfang März ist die Atmosphäre sehr besonders, in dem beinahe leeren Urlaubsort - fast mystisch. 

Die Markthalle mitten in Nazaré. Samstagfrüh. Ich suche mir einen Tisch vor dem kleinen Café am Nordende der großen Markthalle. Mit einer dunklen Metallkonstruktion als Dachtragwerk und rundherum etwas Tageslicht hereinlassenden Oberlichtern vermittelt der Zweckbau seinen ganz eigenen Charme. Ich habe meinen Logenplatz gefunden, von wo aus ich die erwachende Stadt in ihrem "Mikrokosmos Markthalle" beobachten kann. Die satten Farben der Früchte sind wunderbar, noch feucht glänzen die gerade eben von der Marktfrau aufgestapelten Bananen. Fisch und Gemüse der Bauern aus dem Umland, Kräuter und dicke Lorbeersträuße. Es werden regionale Erzeugnisse angeboten, wie an Haken aufgehängte Wurstkringel und unzählige Variationen von portugiesischem Käse. Das Treiben ist lebhaft, die Stimmung aber immer entspannt. Ich beschließe, mich treiben zu lassen, obwohl ich der Möglichkeit entgegenfiebere, die Surfer in den großen Wellen zu fotografieren. Seit Wochen verfolge ich Wellenvorhersagen im Internet. Für Samstag und Sonntag sind etwas höhere surfbare Wellen angesagt. Doch eine Versicherung ist das nicht. Auch die Sportler und ihre Teams mit Jetski-Fahrern und aufwendiger Logistik können nie mit absoluter Sicherheit voraussehen, ob die ganz große Welle, eine Rekordwelle an einem speziellen Tag erscheint. Die Natur und ihre gewaltigen Kräfte lassen immer eine Unbekannte stehen. Doch es gibt diese glückseligen Tage, vor allem im Herbst/Winter, wenn die größten Wellen der Welt hereinrollen und in Nazaré Rekorde gebrochen werden können.

Galao, große Wellen und Rekorde.

Ich bestelle mir am Tresen noch einen Galao. Während ich auf den portugiesischen Milchkaffee warte, betrachte ich die teils gerahmten Bilder an den Wänden. Fotos, Sportdevotionalien - Fußball, nehme ich an. Mein Blick fällt auf ein großes, signiertes Plakat. Es zeigt den Amerikaner Garrett McNamara wie er eine Wand aus Wasser hinunter surft. Im Jahr 2011 hat der aus Hawaii stammende Big Wave Surfer in Nazaré den Weltrekord gebrochen. Beinahe 24 Meter hoch war die gewaltige Welle, die den einstig einfachen Fischer- und Urlaubsort schlagartig weltbekannt machte. Seither hat die Gemeinde stark in den Extremsport investiert - in die Sicherheit und in Sportzentren, um Athleten Trainingsmöglichkeiten zu bieten, so dass sie sich perfekt auf ihren großen Einsatz im Atlantik vorbereiten können. Die Besucherzahlen der Festung mit dem kleinen roten Leuchtturm sind seit 2011 kontinuierlich gestiegen. Bilder von den riesigen, sich hinter dem Leuchtturm auftürmenden Monsterwellen verbreiten sich zunehmend viral im Internet. Und jetzt kommen sogar im Winter Besucher zum Forte de Sao Miguel, um die Wellen, die Surfer und eine ihnen gewidmete Dauerausstellung zu sehen. Auch Sebastian Steudtner's Surfboard hängt in der Gewölbehalle der Festung. Der einzige deutsche Big Wave Surfer lebt seit Jahren in Nazaré. Bereits zweimal hat er einen WSL XXL Big Wave Award gewonnen, 2010 und 2015. Mit einer im Jahr 2009 vor Maui/Hawaii gesurften Welle und dann mit einer Welle in Nazaré, wo er zu den Ortsansässigen zählt, die mit dem Auto bis an die Festung herunterfahren dürfen. Von dort aus kann man sehr weit schauen und mit dem nötigen Fachwissen abschätzen, ob es ein wellenträchtiger Tag werden kann.

Die Markthalle füllt sich mit Kunden. Viele Frauen tragen eine Art Tracht, zumindest sind sie in besonderer Weise gekleidet. Sie tragen Kopftücher mit vielfältigen Mustern und knielange Röcke. Nazaré verfügt wie Lissabon über viele verwinkelte Gassen mit gehörigen Steigungen. Die "moderne" Stadt ist am Hang gebaut und es gibt eine Altstadt mit Wallfahrtskirche oben auf den Klippen. Jetzt im Übergang von Winter zu Frühling steht die Bahn still, mit der die Touristen in der Saison vom "Tal" am Strand den Felsen hinauffahren. Von der Altstadt auf den Klippen führt der Weg zur Festung mit dem roten Leuchtturm.

Nazaré Strand in Portugal am Morgen
Nazaré früh am Morgen

Als ich aus der Halle heraustrete nieselt es leicht. Die Sicht ist nicht klar. Etwas dunstig ist es. Ich laufe auf der Promenade den Strand entlang, durch die noch verschlafene Stadt. Mir gefällt diese Stimmung. Manchmal tauchen vereinzelt Karnevalisten auf. Gruppen verkleideter Jugendlicher am Strand. Piraten, Clochards und Prinzessinnen. Es ist das Karneval-Wochenende, an dem nicht nur im Rheinland die Narren los sind. In Nazaré geht es etwas zurückhaltender zu. Die gespielte Musik klingt wie eine sympathische Mischung aus Folklore und Punkrock. Einzeln versprengte Karnevalisten erzeugen eine irgendwie surreale Atmosphäre in dem relativ verlassenen Urlaubsort. 

Es ist Bewegung im Meer. Zwei Personen preschen mit einem Jetski Richtung Landspitze samt Festung. Jetzt schnell ins Auto und herauf zum Nordstrand fahren. Praia do Norte, ist zum Markenzeichen geworden. Der Name des Strands symbolisiert über die Grenzen Europas hinaus, Begeisterung für das Big Wave Surfen. 

Praia do Norte

Der Atlantik tost und schäumt. Die Sicht ist denkbar schlecht. Doch trotzdem mache ich auf dem Parkplatz stehend, mindestens einen Jetski-Fahrer aus. Also los, Kamera und Stativ greifen und zum Strand laufen. Je näher ich der gewaltigen Wucht des Atlantiks komme, desto mehr Surfer und Jetski-Fahrer sehe ich. Nach einigen ersten Bildern entscheide ich mich, zur Festung heraufzufahren. Die Luft ist so feucht von der sprühenden Wassergewalt, dass ich der Kamera den Regenschutz anziehen muss. Doch die Sicht ist von diesem Platz aus viel klarer. Ich schaue herunter auf die Big Wave Surfer. Am heutigen Tag wird es keine sehr großen surfbaren Wellen geben. Aber meine Faszination für diesen Ort beginnt sich zu manifestieren. 

Irgendetwas zwischen Poesie und Gewalt.

Unglaublich schön sind die regenbogengefärbten Wellen, die sich über den Surfern auflösen. Faszinierend, wie die Wasser-Athleten sich mit dem Meer bewegen. "Ist das Sebastian Steudtner da unten", fragt mich der deutsche Tourist, mit dem ich am Morgen im Hotel über Karneval Nazaré versus Rheinland gesprochen habe. Als ich mit dem Teleobjektiv Steudtner's Logo auf dem Surfboard ausmachen kann, bestätige ich. "Deshalb sind wir hier, das wollten wir sehen", sagt er. Sebastian Steudtner wird sich an diesem Vormittag nicht mehr auf's Brett stellen. Mit dem Jetski geht es für ihn zurück zum Hafen. Einige andere einheimische Surfer und solche aus der internationalen Community, die sich in Nazaré zum Big Wave Surfen gebildet hat, nutzen noch einige kleinere Wellen zum Trainieren. Während wir das beobachten, erzählt mir ein portugiesischer Besucher von den gigantischen Wellen, die er hier vor einigen Jahren gesehen hat. "Episch, sie türmten sich riesig hinter dem Leuchtturm auf", berichtet der Mann aus Lissabon in Erinnerungen schwelgend. Die Bigwaves, entstehen dank des Nazaré Canyon, ein geomorphologisches Phänomen, das die Bildung perfekter surfbarer Riesenwellen ermöglicht. Es ist der größte Unterwasser-Canyon Europas, etwa 170 Kilometer entlang der Küste verlaufend, erreicht der Canyon eine Tiefe von 5.000 Metern. Auch wenn es heute keine Riesenwellen zu sehen gibt, von den wunderschönen Regenbogen-Wellen, von den spürbaren Naturkräften und der Schönheit der Verbindung, die die Surfer mit all jenem eingehen, scheinen Anwesende ausnahmslos beeindruckt.

Sebastian Steudtner, Deutschland's einziger Big Wave Surfer 
Sebastian Steudtner, Deutschland's einziger Big Wave Surfer 

Ich sitze auf der Mauer am Stadtstrand und beobachte die Kastanienröster, die fussballspielenden Jugendlichen am Strand, das Meer, die Hunde. Gelegentlich kommt der einzige Karnevalswagen vorbeigefahren. Dann muss ich mich vor den Farbbeuteln ducken, welche mit Wucht angeflogen kommen. Der kleine Straßenstand des Kastanienrösters, eigentlich ist es eher ein Karren mit einem Räucherkessel darauf, gefällt mir. Es zischt und raucht, der Duft der gerösteten Kastanien wirkt verlockend. Wer die Promenade weiter in Richtung Hafen hochläuft, kommt an einem Strandabschnitt vorbei, auf dem zahlreiche Holzstände aufgereiht sind. Auf diesen Ständen werden Fische getrocknet. Am Straßenrand sitzende Frauen verkaufen den Trockenfisch. Das Konservieren von Fisch durch Trocknen ist in Portugal sehr beliebt. Sogar in Supermärkten hängen große getrocknete Kabeljauhälften für die Zubereitung von Stockfischgerichten.

Sonntag-Vormittag noch einmal Surfaction. Heute sind die Wellen größer, nicht ganz so aufgewühlt und die Sicht ist klarer. Helles Licht, die Sonne scheint. Und heute sehe ich auch Sebastian Steudtner einige Wellen surfen. Diese Wellenritte dauern so lange an, dass mir die Arme schwer werden unter der Last des großen Objektivs. Teilweise bewegen sich die Wassersportler sehr weit hinaus auf den Atlantik. Erschreckend und beeindruckend zugleich, wenn die Kräfte des Ozeans sich so gewaltig äußern. Das Vermögen der bekannten Big Wave Surfer mit den Naturgewalten umzugehen, ist offenbar immens. Akribische Vorbereitung und die ideale technische Ausrüstung ermöglichen es den Extremsportlern, derartige Wellen und deutlich größere Berge aus Wasser zu bezwingen.

Noch ein letzter Blick von den Klippen auf die Stadt in der jetzt kräftig unter wärmender Sonne Karneval gefeiert wird. Dann geht es mit dem Auto zum leicht in einer guten Stunde erreichbaren Flughafen von Lissabon.

Die Energie des Ozeans an diesem magischen Ort zu beobachten, ist epochal. Ich komme wieder, im Herbst, wenn sich die ganz großen Wellen zeigen.

www.cm-nazare.pt/en
www.praiadonorte.com.pt

Fotos: (c) Simone Fust

Mehr Bilder: https://simonefust.com/p771060620

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31. März 2019 - 16:50