Berlinale 2019 – Filmfestival der Frauen

Berlinale 2019 – Filmfestival der Frauen

Berlinale 2019 – Sieben Filme von Regisseurinnen stehen im Wettbewerb der 69. Berliner Filmfestspiele. Keine schlechte Bilanz auf dem Weg zu 50/50. Starke Charaktere von Frauen stehen im Mittelpunkt vieler Beiträge im Programm. Es könnte aber auch das Filmfestival der Pferde sein. Selten gab es so viele Filme mit Pferden bei der Berlinale, wie in diesem Jahr. In Klischees denkend, könnte sogleich der Verdacht eines Zusammenhangs entstehen.

Während Lone Scherfig’s The Kindness of Strangers vergleichsweise “harmlos” den Wettbewerb der Berlinale 2019 eröffnet, ist Flatland, als Panorama-Eröffnungsfilm provozierender und frecher im Auftritt. Zwei Frauen fliehen auf einem Pferd durch das südafrikanische Hinterland, verfolgt von einer Polizistin mit Vorliebe für pinkfarbene Jogginganzüge aus Samt.

Frauen und Pferde im Film. Das Bild des Pferdes und des Reitens symbolisiert immer auch Freiheit: davon jagen, Fesseln sprengen. Sich befreiende Frauen, entscheidende Frauen, kämpfende Frauen und Mädchen – die Thematik zieht sich wie ein inoffizieller roter Faden durch das gesamte Filmprogramm des Jahrgangs.

Es ist Nacht. Wir hören zwei Männer miteinander sprechen. Sie sitzen offenbar in einem Auto, ein Jeep vermutlich, Polizisten. Wir sehen, was sie sehen: von Autoscheinwerfern angestrahltes Grasland, mehr nicht. Die Männer ruckeln mit ihrem Jeep durch die Steppe der Mongolei. Wen wundert es da, dass plötzlich eine Herde Pferde an ihnen vorbei galoppiert. Plötzlich halten sie, denn vor ihnen liegt eine Tote. Öndög behandelt einen Kriminalfall in der mongolischen Steppe. Wer jetzt temporeiches Actionkino erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich auf die Langsamkeit des mongolischen Kinos einlässt, kann in den außerordentlich schönen Bildern schwelgen, die Regisseur und Kameramann aus Licht und Landschaft der Mongolei komponiert haben. In dieser Geschichte steht eine doch ziemlich unabhängig erscheinende reitende Hirtin im Vordergrund. Es geht um Beziehungen, ein Dinosaurierei – mongolisch: Öndög; und es geht um das Überleben der Menschheit. In dem in Cinemascope gedrehten Spielfilm hat der chinesische Regisseur Wang Quan’an seine Liebe zur beeindruckenden mongolischen Landschaft ausgelebt. Mit leisem Humor inzenierte er die Schauspieler in der unendlichen Weite des Raums der mongolischen Steppe. Die im Mittelpunkt stehende Frauenfigur folgt ihren eigenen Entscheidungen. Ein origineller, heiterer Film in bestechenden Bildern.

Ihre eigenen Entscheidungen trifft auch Die Agentin, Rachel – gespielt von Diane Kruger in der isralisch-deutsch-französischen Produktion, die sich auf Erzählungen eines ehemaligen Mossad-Agenten stützt. Ihr Weg dorthin ist steinig und grausam. Schnell ist man drin in der spannenden, starbesetzten Agentengeschichte, die Rachel nach Teheran führt, wo sie den iranischen Geschäftsmann Farhad überwacht und eine gefährliche Liebesbeziehung mit ihm beginnt.

Pressekonferenz THE OPERATIVE - DIE AGENTIN, Martin Freemann und Diane Kruger

Pressekonferenz Berlinale 2019 THE OPERATIVE – DIE AGENTIN mit Martin Freemann als Rachel’s Verbindungsmann, einem breiten Publikum insbesondere bekannt durch die Rolle des Dr. Watson in der Serie Sherlock und einigen Hollywood Actionstreifen wie BLACK PANTHER. Diane Kruger dreht demnächst eine Miniserie in der sie Marlene Dietrich verkörpert – unter Regie von Fatih Akin, dessen kontrovers diskutierter ziemlich brutaler Beitrag DER GOLDENE HANDSCHUH über den Frauenmörder Fritz Honka ebenfalls im Wettbewerb vertreten ist. – Foto: (c) Simone Fust

In ästhetischen Schwarzweißbildern erzählt der spanische Netflix-produzierte Kinofilm Elisa y Marcela (Titelbild) die Geschichte eines lesbischen Paares, das im Spanien um 1900 ungewöhnliche Wege gehen muss, um die gemeinsame Partnerschaft besiegeln zu können. Schrill und pink geht es hingegen im Langspielfilmdebut von Nora Fingscheidt zur Sache. Der Film mit dem prägnanten Titel Systemsprenger und einer furiosen Story über ein zu Gewaltausbrüchen neigendes Mädchen, dem immer wieder die Hutschnur platzt, hat bereits zu Beginn des Wettbewerbs die Kritiker begeistert und gilt als einer der Favoriten für die Bärenvergabe. Energiegeladen macht Systemsprenger die Zerrissenheit eines Kindes und seine Sehnsucht nach Mutterliebe deutlich.

Die Literaturadaption des Romans Pferde stehlen von Per Petterson schafft es mit Stellan Skarsgard in der Rolle des alten Trond, die Poesie der Romanvorlage auf die Kinoleinwand zu strahlen. Das geschieht auf eine alle Sinne ansprechende Art und Weise. Beinahe in Makroaufnahmen stellt der norwegische Regisseur Hans Petter Moland die Natur dar – so nah kommen der Junge Trond und sein Vater dem Wald, in dem sie zusammen einen intensiven Sommer erleben. Zuschauer können den Duft des Waldes förmlich riechen. Erheblichen Einfluss auf die Dramaturgie nimmt bei diesem Wettbewerbsbeitrag die Auswahl der Musik und der Tonschnitt, der übrigens erst um 3 Uhr früh vor der Uraufführung auf der Berlinale fertiggeworden ist, wie Regisseur Moland in der Pressekonferenz preisgab. Das Audio-Element der Filmgestaltung führt wie der Taktstock eines Dirigenten durch die verschiedenen Zeitebenen und den Lauf der Geschichte um die Vater-Sohnbeziehung. Ein sehr schöner Film über Liebe, Freundschaft, Verlust und Enttäuschung mit überzeugend gespielten Hauptfiguren, doch nicht zwingend ein Favorit für den Hauptpreis.

Im sehr starken französischen Beitrag des Wettbewerbs stehen nicht Frauen im Mittelpunkt, es sind starke Männer, die es wagen, einem vorherrschenden Männerbild zum Trotz, sich als Opfer öffentlich zu machen. “Gelobt sei Gott, sind die meisten Fälle verjährt…”, diese herausgerutschte Aussage des Lyoner Kardinals Barbarin ist titelgebend für Grâce à Dieu. Der Wettbewerbsbeitrag des französischen Regisseurs François Ozon thematisiert aktuell in Frankreich vor Gericht zur Verhandlung stehende Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Die perfiden Taten des Priesters Preynat wurden lange Zeit unter dem Deckmantel des Schweigens verborgen. Wie sich unter Wut und Verzweiflung der Opfer das Wort Bahn bricht und ein Schweigegerüst von sich zusammenschließenden Männern und ihren Familien ins Wanken gebracht wird, erzählt der als Fiktion angelegte Film mit seiner intelligent an Tatsachen orientiert aufgebauten Geschichte. Eine feinsinnige Bildsprache begleitet die Hauptfiguren einerseits – auch dadurch kommen wir den im Fokus stehenden Menschen sehr nah – und schafft immer wieder dokumentarische Distanz mit Zwischenbildern von kolossalen Architekturen, welche die Ohnmacht gegenüber der Institution Kirche zum Ausdruck bringen. Die Entlarvung dieser Institution und ihrer Systematik des Schweigens in der französischen Diözese, durch die Entscheidung der Opfer, über die Taten des Priesters der so lange Zeit weiterhin mit Kindern arbeiten durfte, zu sprechen, wird in Grâce à Dieu spannend dokumentiert und pointiert. Der Priester versucht derzeit mithilfe seines Anwalts ein Erscheinen des Films in den Kinos zu stoppen. Das, obschon er seine Taten zugegeben hat.

Dreharbeiten zu GRÂCE À DIEU - Regisseur François Ozon und der Schauspieler François Marthouret als Kardinal

Dreharbeiten zu GRÂCE À DIEU – Regisseur François Ozon und der Schauspieler François Marthouret in der Rolle des Kardinals Barbarin während einer Drehpause – Foto: (c) Jean-Claude Moireau

Auf der Berlinale 2019 ist Hollywood-Glamour nicht ganz so präsent wie in vergangenen Jahren. Das ist allerdings gar kein Makel. Die Stimmung am roten Teppich der letzten Berlinale des Festivalschefs Dieter Kosslick ist prächtig. Zahlreiche Filme und ihre Macher aus der ganzen Welt begeistern das Publikum, europäische Filmgrößen geben sich ein Stelldichein vor dem Berlinale Palast, wie die Grand Dame des französischen Kinos Catherine Deneuve. Sie ist in Berlin, um den außer Konkurrenz laufenden Film L’adieu à la Nuit vorzustellen. Die Deneuve spielt eine Pferdezüchterin, deren Enkel sich dem IS in Syrien anschließen will. Dieser Film zeigt, wie sich die Großmutter mit aller Kraft gegen das drohende Unheil stemmt, um ihren Enkel zu retten und Schlimmstes zu verhindern.

Als Publikumsfestival bieten die Internationalen Filmfestspiele von Berlin Filminteressierten eine riesige Auswahl. Die Zuschauer können in zahlreichen Sektionen ihre Entdeckungen machen und Trends aufspüren, wie diesjährig körnige Retrofilmbilder – Bait im Forum, Ghost Town Anthology im Wettbewerb – 16mm is back. Filme über Fotografen und Fotografinnen wie der bereits mit dem Heiner Carow Preis 2019 der DEFA-Stiftung ausgezeichente Film Schönheit & Vergänglichkeit und Shooting the Mafia inspirieren das Publikum. Die hauptsächlich in Palermo situierte Dokumentation verdeutlicht den auf Sizilien allgegenwärtigen Schrecken der Mafia-Greueltaten durch das Auge von Laetizia Battaglia, einer Fotografin, die lange Zeit für eine italienische Tageszeitung tätig war. Der Panorama-Beitrag Shooting the Mafia geht als außerordentlich überzeugendes emotionales Filmwerk an die Substanz und ist gleichzeitg eine illustre Hommage an das fotografische Schaffen der Sizilianerin.

Die vergleichweise junge Sektion Berlinale Series ist Plattform für aufwendig produzierte Drama-Serien wie M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Die mit grotesken Zügen versehene, in Wien spielende Serie mit Lars Eidinger, Bela B. Felsenheimer und einer diabolischen Sophie Rois, interpretiert den Filmklassiker von Fritz Lang völlig neu. Sehenswert. Die Filmlandschaft verändert sich. Mit den Streamingdiensten verschwimmen die Grenzen zwischen Kino und TV, Film und Serie. Deutschsprachige Produktionen im Bereich der Reihenerzählung können durchaus Schritt halten am Markt. Babylon Berlin und Deutschland 83 zum Beispiel, haben sich international sehr gut verkauft. Auch darum geht es: Die Berlinale hat sich unter Dieter Kosslick’s Leitung nicht nur zu einem erfolgreichen Publikumsfestival entwickelt, das Filmfestival ist heute einer der wichtigsten Branchentreffs weltweit. EFM European Film Market, Talent Campus, Perspektive Deutsches Kino – insbesondere für den deutschen Film und den Filmnachwuchs hat der dahinziehende Berlinaledirektor Kosslick viel erreicht. Kritik darf auch geübt werden. Nicht jede Sektion, Kulinarisches Kino beispielsweise, erscheint notwendig. Sicher ist auch nicht jeder Film des gesamten Festivalprogramms ein absolutes Meisterwerk oder später ein großer Publikumserfolg. Doch ein internationales Filmfestival soll ja auch den Querschnitt des globalen Filmschaffens eines Jahrgangs zeigen und sollte Filmen eine Lobby bieten, die es nicht in die Säle der großen Kinoketten schaffen.

Die Berlinale 2019 ist das Filmfestival der Frauen. Nicht nur, dass so viele Wettbewerbsbeiträge wie noch nie von Frauen gemacht wurden, der Jury eine Frau vorsitzt – Juliette Binoche, und der Schauspielerin Charlotte Rampling die Hommage gewidmet ist, Dieter Kosslick hat während des Festivals den sogenannten 50/50 Pledge unterschrieben, „5050 x 2020“ soll zu mehr Geschlechtergerechtigkeit auf dem Festival und im Markt beitragen. Die internationale Initiative setzt sich für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern bis zum Jahr 2020 ein.

Frauen machen qualitätsvolle Filme und sollten deshalb aus dem Schatten ins Licht treten dürfen, ihre Filme sollen sich in Wettbewerben gleichberechtigt messen und die Festivalprogramme gleichstark füllen.

Unter neuer Leitung einer Doppelspitze, bestehend aus Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek werden die 70. Internationalen Filmfestspiele von Berlin vom 20. Februar bis 1. März 2020 stattfinden.

Informationen zum Festival: www.berlinale.de

Preisträger Berlinale Bären 2019

7. September 2019 0