Babylon in Berlin - Stummfilmkino Delphi

Babylon Berlin im Delphi (c) Frederic Batier

Die TV-Serie Babylon Berlin gewährt Fernsehzuschauern den Blick hinter die Kulissen der Goldenen Zwanziger - einem Zeitalter, das parallel zur Weltwirtschaftskrise den Tanz auf dem Vulkan als Mythos entstehen ließ. Kulisse für die Innenaufnahmen des Nachtclubs Moka Efti, mit den zentralen Tanzszenen und Bühnenshows der Fernsehserie, ist das ehemalige Stummfilmkino Delphi in Berlin-Weissensee.

Nirgendwo war die Freizügigkeit größer. Zu Tausenden strömten die Menschen nach Berlin.

Berlin, im Frühjahr 1929: Eine Metropole in Aufruhr. Spekulation und Inflation zehren bereits an den Grundfesten der immer noch jungen Demokratie der Weimarer Republik. Wachsende Armut und Arbeitslosigkeit stehen in starkem Kontrast zu Exzess und Luxus des Nachtlebens und der kreativen Energie der Stadt. Gereon Rath, der aus Köln stammende junge Kommissar kommt im Berlin der Zwanziger Jahre an und wird Zeuge jener schillernden und unheilverheißenden Veränderungen in der Stadt. Politik, Kriminalität und Gesellschaft, alles verändert sich in rasendem Tempo. Zusammen mit der Stenotypistin Charlotte Ritter und seinem Partner Bruno Wolter sieht sich Rath einem Dschungel aus Korruption, Drogen- und Waffenhandel gegenüber, der ihn in einen existentiellen Konflikt zwischen Loyalität und Wahrheitsfindung zwingt. Selbst eine Institution wie die „Rote Burg”, das Polizeipräsidium von Berlin als Zentrum des Rechtsstaates, wird in den politischen Unruhen zwischen kommunistischer Maidemonstration, Schwarzer Reichswehr und aufkommendem Nationalsozialismus immer mehr zum Schmelztiegel einer dem Untergang geweihten Demokratie.

„Henk Handloegten, Achim von Borries und ich haben im Grunde keine Serie gedreht, sondern einen epischen 12 Stunden dauernden Film", sagt Tom Tykwer - Produzent und einer der drei Regisseure dieser vielfach ausgezeichneten, das Publikum begeisternden TV-Serie, deren dritte Staffel bereits in Planung ist. "Wir wollten mit Ausstattung, Kostüm, Dekor die Zeit einfangen, ohne sie einfach nur abzubilden und ihr dazu einen heutigen Touch geben.“

Der spezielle von Tom Tykwer beschriebene Mix aus historischen visuellen Elementen und zeitgenössischer Umsetzung lässt die Fernsehserie Babylon Berlin brilliant in cineastischen Bildern erscheinen. Ein visueller Hochgenuss zwischen Geschichtsstunde und maximal spannendem Plot. Die Zuschauer dürfen sich durch ein Berlin des frühen 20. Jahrhunderts bewegen, das nicht nur stilistisch, sondern auch politisch-gesellschaftlich einige Parallelen zur Epoche aufweist, in welcher wir uns aktuell befinden. Ganz besonders das Set des Moka Efti, realisiert im ehemaligen Stummfilmkino Delphi, lässt die Zuschauer intensiv in das feierwütige Berlin eintauchen. Das Delphi als idealer Platz, um den Tanz auf dem Vulkan zu zelebrieren, gestern wie heute.

Kino, Lagerstätte, Filmkulisse - wieder erwachter Ort für Kunst und Kultur

Das ehemalige Lichtspielhaus in Berlin-Weissensee ist mit dem Aufschwung der Kinobranche der 1920er und 1930er Jahre fest verbunden. Es wurde vom Architekten Julius Krost geplant und als letztes Stummfilmkino 1929 mit 870 Plätzen eröffnet. Weissensee entwickelte sich in den Zwanziger Jahren mit der Ansiedlung vieler Filmproduktionsstätten und Kinos zur internationalen Filmstadt. Marlene Dietrich hat in den Weissenseer Filmstudios unter der Regie von Joe May den Stummfilm-Klassiker „Tragödie der Liebe“ gedreht.

Anfangs wurden im Delphi noch überwiegend Stummfilme gezeigt, wie der legendäre, in unmittelbarer Nachbarschaft gedrehte Film “Das Cabinet des Dr. Caligari”, später Tonfilme. Auch wenn 1929 die Weltwirtschaftskrise den meisten Lichtspielhäusern ein jähes Ende bereitete, das Delphi blieb als Kino bis in die Nachkriegszeit bestehen. Schließlich wurde der Kinobetrieb wegen Baufälligkeit des Gebäudes im Jahr 1959 eingestellt.

Stumfilmkino Delphi Berlin Außenansicht
Ehemaliges Stummfilmkino Delphi Berlin - Kinosaal
Oben, Außenansicht des ehemaligen Stummfilmkino Delphi, unten der Kinosaal des Delphi in Weissensee. Fotos: (c) Deaster

Der Foyerbereich des denkmalgeschützten Kinos wurde in den Folgejahren als Gemüselager, Rewatex-Wäschereistützpunkt, Briefmarkengeschäft, Schauraum für Orgelbau und als Lagerhalle der Zivilverteidigung der DDR genutzt. 2013 übernahm das Künstlerpaar Brina Stinehelfer und Nikolaus Schneider das Gebäude, um es zu einem neuen Kunst- und Kulturort zu gestalten. Heute betreiben sie das Theater im Delphi. Als das ehemalige Stummfilmkino 2016 zum Verkauf stand, gingen Stinehelfer und Schneider eine Partnerschaft mit der Schweizer Edith Maryon Stiftung ein, die das Haus kaufte, um es für die weitere Entwicklung und dauerhafte Nutzung als öffentlicher Kulturort unter der Leitung von Per Aspera e.V. zu sichern. Es wurde technisch saniert, doch ist das Innere des Gebäudes überwiegend so erhalten, wie es erbaut wurde und lässt den Charme des vorigen Jahrhunderts definitiv erkennen. Heute ist das Delphi wieder ein fruchtbares Umfeld für spannende neue und experimentelle Entwicklungen in der Kunst. Es bietet Raum für unterschiedliche kulturelle Veranstaltungen, Kabarett, Musik- und Theater wie die Opernproduktion Das Lied von der Erde der Berliner Opernkompanie Novoflot: Inmitten einer szenischen und filmischen Umgebung, in der man Gustav Mahler's Lied von der Erde niemals vermuten würde, entstehen neue Hör- und Seherlebnisse, die den berühmten Liederzyklus nicht als Kunstwerk einer längst vergangenen Epoche, sondern als multimedialen Organismus mit "vulkanischen" Eigenschaften darstellen. Novoflot's Oper kündet vom baldigen Ausbruch und rät eindringlich für Mensch, Tier und Pflanzen, sichernde Maßnahmen ins Auge zu fassen.  

Ende 2018 ist das ehemalige Stummfilmkino perfekter Rahmen für Le Pustra’s Kabarett der Namenlosen. Das Kabarett bietet eine frische Sicht auf das Berlin der 1920er Jahre und zieht seine Inspiration aus Quellen über das verruchte Berliner Nachtleben jener Zeit mit seinen Kaschemmen, Bordellen und Varieté-Theatern. Dabei geht es nicht um die Glorifikation dieser Dekade, sondern vielmehr um den Traum, den Exzess und den Rausch, welchem man sich damals wie heute mit all seinen Konsequenzen hingeben will, ohne an das Morgen zu denken. Konzipiert und dirigiert von der schillernden Kunstfigur Le Pustra - als Conférencier, Muse und Sänger führt er die Gäste durch die Nacht, koproduziert von Else Edelstahl, Gründerin und Gastgeberin der erfolgreichen Bohéme Sauvage Veranstaltungen: "Betreten Sie eine dekadent verbotene Welt des Überflusses, der Skandale und Intrigen. Genießen Sie Groteskes und Skurriles und tanzen Sie durch eine sektperlende Nacht mit den Schönen und Verdammten!" - www.kabarettdernamenlosen.de

Mehr virtuose Veranstaltungen im Delphi: www.theater-im-delphi.de

Alles über die grandiose TV-Serie Babylon Berlin: www.babylon-berlin.com

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4. November 2018 - 14:43