Agnieszka Polska - The Demon's Brain

(c) Agnieszka Polska, Courtesy ŻAK | BRANICKA, Berlin and OVERDUIN & CO., LA

Raumgreifende Videokunst mit Bilderbuchästhetik. Im Jahr 2017 wurde Agnieszka Polska der Preis der Nationalgalerie verliehen. Jetzt zeigt die Künstlerin ihre daraus resultierende Multichannel Videoinstallation The Demon's Brain im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin. Kann Kunst niedlich sein?

Vier riesige Projektionsflächen und eine Textwand, platziert auf großer Fläche der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs. In der Mitte des Raums sind attraktiv Schaumstoffmatten aufgestapelt. Die Ausstellungsbesucher können sich dort setzen oder hinlegen, um sich der Betrachtung von Kunst hinzugeben. Der Monitor am Kopfende der Halle zeigt Aufnahmen eines Reiters. Er reitet sein weißes Pferd durch eine Waldlandschaft, die zunehmend karger wirkt - gerodet. Alle Projektionsflächen teilen sich eine Tonausspielung, dessen unterschwelliger, drohender Rhythmus die vier Filme miteinander vereint. Sie zeigen unterschiedliche Szenen, in Endlosschleife abgespielt und so synchronisiert, dass sie sich gegenseitig kommentieren.

What are your skills? Horse riding, sir.

Mit The Demon’s Brain erzählt Polska in einer Mischung aus Realfilm und Animation die fiktive Geschichte des reitenden Boten der Schriftstücke überbringen soll. Die Augen seines Pferdes sind unnatürlich groß. Überzeichnet. Die Künstlerin wandelt gekonnt auf dem Grenzstreifen zwischen Niedlichkeit und Groteske. Auf seinem Weg verliert der Bote sein Pferd und verirrt sich in einem Wald.

They call me a demon, because I run as a background process, not controlled by the user.

Im Wald hat er eine unerwartete Begegnung mit einem Dämon. Mit dessen Monolog rückt Agnieszka Polska Entwicklungen und Zustände von Rohstoffverbrauch, Umweltzerstörung, Datenökonomik und Künstlicher Intelligenz in den Fokus. Der Dämon beschwört den Boten, dass er derjenige sei, der den Lauf der Geschichte ändern könne. Ein "You are the one" lässt eine Sekunde lang an den Film The Matrix denken, dann durchwandert die wiederkehrende Verkündigung „It is not too late“ wie ein Appell an die Betrachter den Raum.

Agnieszka Polska The Demon’s Brain, 2018 © Agnieszka Polska, Courtesy ŻAK | BRANICKA, Berlin and OVERDUIN & CO., LA
The Demon's Brain 2018 (c) Agnieszka Polska

Ein weiterer Bildschirm zeigt Nahaufnahmen: Feuer, Gesicht weinender Bote, verbrenndende Papiere. Dort tritt auch der Dämon in Gestalt einer Computeranimation auf, schwarz zwar, aber mit niedlichen runden Kulleraugen. Auf der Projektionsfläche gegenüber: eine niemals endende Kamerafahrt durch einen unterirdischen Gang, der Stollen einer Mine vielleicht. Eine im Emoji-Stil gestaltete Blume fliegt auf die Betrachter zu. In der vierten Projektion am anderen Ende der Halle spitzt sich der Bilderbuch/Emoji-Stil zu. Die abgebildeten Tiere - Pferd, Vögel, wirken teils verzerrt. 

Misery is the condition for growth.

Der Ausgangspunkt dieser Arbeit der Künstlerin sind Briefe aus dem 15. Jahrhundert, die an Mikołaj Serafin, den Verwalter der polnischen Salzbergwerke, gerichtet waren. Salz war damals ein kostbares Gut und stellte für das Königreich Polen eine wichtige Einnahmequelle dar. König Władysław III. (1424–1444) übertrug die Minen Serafin, der sie von 1434 bis 1459 innerhalb einer feudalen Gesellschaftsordnung wie ein selbstständiges, frühkapitalistisches Unternehmen führte. Den in lateinischer Sprache verfassten Briefen kann man entnehmen, dass die Minen ein rasches wirtschaftliches Wachstum erfuhren, das jedoch auf Kosten menschlicher und natürlicher Ressourcen.

Auf der Textwand sind zwischen Auszügen aus den historischen Briefen an Serafin, Kommentare zu den ökonomischen, ökologischen und technologischen Themen der Arbeit eingefügt, welche aus eigens für den begleitenden Katalog beauftragten Essays stammen. Es geht um Aktives Handeln, Reflektion, den Austausch mit anderen Menschen und das Erkennen von langzeitlichen Mustern als erste Schritte, um die Ohnmacht der vermeintlichen Wirkungslosigkeit des persönlichen Tuns zu überwinden.

Agnieszka Polska, 1985 in Lublin, Polen geboren, studierte Kunst an der Akademie der Bildenden Künste Krakau und bei Hito Steyerl an der Universität der Künste in Berlin, wo sie heute lebt und arbeitet. Die Einzelausstellung und eine Begleitpublikation sind Teil der Auszeichnung. Der Preis der Nationalgalerie zeichnet seit dem Jahr 2000 wichtige junge Positionen zeitgenössischer Kunst aus. Die Videoinstallation The Demon's Brain in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs ist eine anregende Raum-, Klang- und visuelle Erfahrung. Videokunst mit ungewohnter Ästhetik, die neue Türen der Auseinandersetzung öffnen kann.

Agnieszka Polska: The Demon’s Brain

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Staatliche Museen zu Berlin
Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin

Ausstellung: 27. September 2018 - 3. März 2019

www.smb.museum/hbf
www.preisdernationalgalerie.de

 

Agnieszka Polska The Demon’s Brain, 2018 Mehrkanal-Videoinstallation, Filmstill - (c) Agnieszka Polska, Courtesy ŻAK | BRANICKA, Berlin and OVERDUIN & CO., LA

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27. Oktober 2018 - 23:19